Borussia Dortmund 1933 - 1945: Aktiv im NS-Widerstand/Ernst Kuzorra erster BVB-Trainer
Städtischer Pressedienst, Datum: 02.11.2001
Als erster Verein der Fußball-Bundesliga legt Borussia Dortmund eine umfangreiche Aufarbeitung der Vereinsepoche zwischen 1933 bis 1945 vor. Sie geht zurück auf den Runden Tisch gegen Rechts "Fremde sind Freunde", den Dortmunds Oberbürgermeister Dr. Gerhard Langemeyer und BVB-Präsident Dr. Gerd Niebaum im vergangenen Jahr ins Leben gerufen haben.
Die Studie wurde von Dortmunds Stadtsprecher Gerd Kolbe erarbeitet. Sie basiert auf Kolbes eigenem BVB-Archiv, ergänzenden Dokumenten aus der damaligen Zeit, der Publikation "Der Sport vom Sonntag" 1933 bis 1939, den BVB-Unterlagen des Amtsgerichtes und Interviews mit Zeitzeugen, die die angesprochene NS-Zeit durch die Schilderung eigener Erlebnisse rund um den Borsigplatz und den BVB wieder wach werden lassen.
Inhaltlich ist Borussia Dortmund in der Nazi-Zeit durch den "roten" Borsigplatz, die Dreifaltigkeitskirche und die "BVB-Familie" als integrierendes Element geprägt worden.
Der BVB nahm zwischen 1933 und 1945 im Rahmen der formal erforderlichen "Sportregularien" eine an die Staats- und Verbandsvorgaben angepasste Haltung ein. Dies war anders auch kaum möglich und die Voraussetzung für eine Zugehörigkeit zu den Sport-Verbänden sowie die Teilnahme am regulären Spielbetrieb.
Mit anderen Worten: Beim BVB gab es ab 1933/34 die "Einheitssatzung", den Vereinsführer und den Dietwart. Verschiedene Vorstands- und Vereinsmitglieder waren auch in der NSDAP.
August Lenz rief gemeinsam mit anderen Spitzenfußballern zur Teilnahme an den Wahlen zwischen 1933 und 1945 auf, die unter demokratischen Gesichtspunkten eine Farce waren.
Vor und nach den Meisterschaftsspielen verhielt man sich regelkonform und entbot den geforderten Hitlergruss.
80 Prozent der "Ersten" waren Mitglieder der SA und spielten in den SA-Auswahlmannschaften. Die Zugehörigkeit zur SA dürfte sich allerdings ausschließlich auf die SA-Fußballspiele erstreckt und keinen weiteren politischen Hintergrund gehabt haben, wie Zeitzeugen aussagen.
Aus dem Jubiläumsjahr 1934 stammt das BVB-Vereinslied "Wir halten fest und treu zusammen"; der Text ist von Heinrich Karsten. Immer noch enthält es die vom Zeitgeist inspirierte Zeile: "Ball Heil Hurra, Borussia". Es sei dem BVB des Jahres 2001 empfohlen, diese Zeile zu ändern und damit zu neutralisieren
Daneben war der BVB widerborstig: Der Vereinsvorsitzende Egon Pentrup trat 1934 nicht mehr zur Vorstandswahl an, weil er es ablehnte, in die NSDAP einzutreten.
Dietwart Karl Brettin fand innerhalb des Klubs keinerlei Resonanz. Die Dietstunden müssen ein einsames (Miss-) Vergnügen für Brettin gewesen sein.
Einen "Arierparagraphen" gab es selbstverständlich nicht beim BVB. Einen solchen hätte man problemlos in die NS-Einheitssatzung einfügen können, wie dies andere Clubs in Deutschland praktizierten.
Und in der Festschrift zum 30-jährigen Vereinsbestehen macht man sich recht unmissverständlich, aber mutig Luft über die unvergessene Tatsache, dass Stadt und Nazis dem Verein den "Borussia-Sportplatz" fortgenommen haben, den man 1923/24 mit 50.000 Reichsmark und zwischen 5.000 und 10.000 freiwilligen Helferstunden ausgebaut hatte. Zwar gehörte der Platz der Stadt, aber man hatte das Gelände gepachtet. Und dann wurde dem BVB die Heimat ohne einen Pfennig Entschädigung "geraubt". Weil im neuen Hoeschpark das Stockheidebad genau an der Stelle des Sportplatzes gebaut werden und südlich des Geländes die Brackeler Straße verlaufen sollte. Das Stockheidebad entstand aber erst 1951. Bis dahin war der ehemalige "Borussia-Sportplatz" wildes Grabeland.
Kein Wunder, dass die Borussen sich getäuscht und hintergangen fühlten und sogar auf den Gedanken kamen, Stadt und Nazis wollten den Verein vom Borsigplatz vertreiben und in Richtung "Rote Erde" abschieben.
Ein weiteres Opfer der "Platz-Aktion" war der bereits erwähnte Heinrich Czerkus, Jahrgang 1894, der als langjähriger Erwerbsloser zwischen 1924 und 1937 gemeinsam mit Karl Kampmann Platzwart des "Borussia-Sportplatzes" war und aus dieser Tätigkeit seine einzigen Einkünfte bezog.
Heinrich Czerkus war über lange Jahre Mitglied des BVB. Aus seiner politischen Überzeugung machte der KPD-Mann nie einen Hehl, sondern kandidierte 1933 sogar für die Stadtverordnetenversammlung, in die er auch gewählt wurde. Sein Mandat durfte er - ebenso wie die weiteren KPD-Stadtverordneten - aufgrund einer Göring-Anweisung aber nicht ausüben. Czerkus blieb nach der Machtübernahme BVB-Platzwart und arbeitete in seiner Freizeit als Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime. Das war innerhalb des BVB bekannt und wurde geduldet, ja gedeckt. Wo es ging, wurde Czerkus vor staatlichen Übergriffen gewarnt und geschützt. Der Grund: Der BVB verstand sich als wirkliche Familie, in der man zueinander stand, völlig unabhängig von der politischen Ausrichtung.
1944 stellte Vereinsführer August Busse dem Widerstandskämpfer Czerkus leihweise den BVB-Drucker zur Verfügung. Auf ihr druckte Czerkus Widerstands-Publikationen der KPD. August Busse nahm mit dieser "Ausleihe" ein extrem hohes persönliches Risiko auf sich. Hätten die Nazi-Machthaber von diesem Vorgang Kenntnis erhalten, wären schwerste Strafen möglich gewesen.
Heinrich Czerkus gehörte zu den Opfern der "Karfreitagsmorde" 1945 im Rombergpark und in der Bittermark und musste für seine politische Überzeugung und seinen Widerstand gegen die Nazis mit dem Leben bezahlen.
Ebenso wie das langjährige BVB-Vereinsmitglied Franz Hippler, Jahrgang 1895. Er gehörte ab 1921 der KPD an, wurde aber später ausgeschlossen. Schon bald als Widerstandskämpfer "geortet", musste Hippler von 1933 an mehrfach in Gefängnisse und Konzentrationslager. "Hochverrat" war eines der Delikte, die man ihm vorwarf. Im April 1943 kehrte Hippler nach mehreren KZ-Aufenthalten zu "seinem" Borsigplatz zurück.
Franz Hippler wurde am 19. 2. 1945 erneut verhaftet und am 20. 4. 1945 ermordet im Rombergpark aufgefunden.
Auch in diesem Falle ist eine Episode aus der BVB-Familie beizusteuern: SA-Mann Willi Röhr setzte sich erfolgreich für den inhaftierten Kommunisten Hippler ein und sorgte dafür, dass dieser aus dem Arbeitslager entlassen wurde.
Ähnlich wie Heinrich Czerkus gehörte auch der aktive Widerstandskämpfer Fritz Weller als damaliger Handball-Abteilungsleiter zu den Funktionsträgern innerhalb des BVB. Weller gründete 1924 die Handball-Abteilung des BVB und war 1926 der "Vater" der Damen-Handball-Abteilung. Der vielseitige und erfolgreiche Leichtathlet Weller war neben seinem BVB-Engagement auch im "ATUS", dem Dortmunder Arbeiter-Turn- und Sportverein.
Nicht immer scheinen - wie etwa bei Czerkus, Hippler und Weller - konkrete politische Gründe die Ausgangspunkte für die Handlungen der Borussen gewesen sein. Bei August Busse und Willi Röhr sei die Vermutung gestattet, dass sie aus der Solidarität der "BVB-Familie" heraus Czerkus und Hippler geholfen haben. Immerhin waren ihre Hilfen zum einen todesmutig und zum anderen menschlich respektabel.
Sportlich ist die Zeit zwischen 1933 bis 1945 für Borussia Dortmund sehr erfolgreich gewesen. Sie schuf die Grundlage für die großen Erfolge nach dem 2. Weltkrieg. Dies ist auch der erstklassigen Jugendarbeit der zu verdanken, die ihre Früchte in der HJ-Gebietsmeisterschaft 1939 mit dem 4:2-Sieg über die Jugend des FC Schalke erntete.
Vereinsführer August Busse war sehr ehrgeizig. Er wollte die Nr. 1 in Fußball-Dortmund werden, sein und bleiben.
Deshalb holte er ab 1935 die ersten Trainer zum BVB. Die guten Beziehungen zum FC Schalke führten 1935 zur Verpflichtung von Fritz Thelen. Ernst Kuzorra empfahl den Borussen seinen Schwager Thelen. Letzterer konnte jedoch erst später als gewünscht das Amt übernehmen. Und so wurde der "große" Ernst Kuzorra, allerdings nur für maximal zehn Wochen, als "Interimslösung" der allererste BVB-Trainer. Dann folgte, mit dem WM-System im "Rucksack" und später sportlich mit großem Erfolg, für ein gutes Jahr Fritz Thelen.
Borussia qualifizierte sich für die Aufstiegsrunde zur Gauliga und stieg 1936 in die höchste deutsche Spielklasse auf.
Schon 1935 wurde der "Zweitligist" August Lenz Borussias erster Nationalspieler. Sein Debut feierte er mit einem 6:1-Sieg über Belgien im Brüsseler Heisel-Stadion, zu dem er zwei Tore beisteuerte. Es folgten 13 weitere Spiele im DFB-Trikot.
1937 machte der BVB im Tschammer-Pokal (heute DFB-Pokal) von sich reden. Man stieß bis ins Viertelfinale vor und scheiterte erst in Mannheim gegen Waldhof mit 3:4. Moralisch konnte man sich nach erstklassigem Spiel sogar als Sieger fühlen. Auf dem Weg ins Viertelfinale hatte der BVB den HSV, Werder Bremen und Duisburg 08 ausgeschaltet.
Der erste "echte" Sieg über Schalke folgte im November 1943. Ein Treffer von August Lenz machte in der "Roten Erde" den Erfolg über den sportlich übermächtigen westfälischen Nachbarn perfekt.
Kurze Zeit später brach in den Wirren des 2. Weltkriegs der Fußballsport in sich zusammen. Am 8. Mai 1945 endete der Spuk des Tausendjährigen Reiches. Aber schon im Sommer 1945 begann das zarte Pflänzchen Fußball aus den Ruinen Dortmunds wieder zu blühen.
(Info-Nr.: 1691)
Gerd Kolbe Telefon: 0231/ 50 - 2 21 31
- Download
- BVB-Pressedienst 02.11.2001.doc


